Unendlich frei
UNENDLICH FREI klingt wunderbar. Endlich einmal ausbrechen können aus allen Zwängen und sich ganz frei fühlen, das zu denken, zu fühlen und tun, was uns entspricht. Mit der Lust wachsen aber auch die Einwände: Noch bevor die Vorstellungen über das Ausleben unseres freien Willens allzu konkret werden, öffnet sich auch schon das große dunkle Loch der Bezugslosigkeit, in das wir ohne jede Haltegriffe zu fallen drohen. Und aus der Hoffnung auf UNENDLICHE FREIHEIT erwächst die Angst vor unendlicher Verlorenheit.
Kultur kann ein solcher Haltegriff sein, wenn dieser das Gefühl von Zugehörigkeit und Selbstvergewisserung suggeriert. Kultur gibt uns die Möglichkeit, dabei zu sein, an etwas teilzunehmen, vielleicht sogar teilzuhaben. Wir gehören dazu, ohne uns dabei gleich von allen unseren Freiheitsvorstellungen verabschieden zu müssen. Wer einmal den Gemeinschaft stiftenden Rausch von „Alles ist möglich“ einer Kulturveranstaltung erlebt hat, weiß, wovon die Rede ist. Diese verbindende Eigenschaft, die Kultur gerne zugesprochen wird, bildet die Grundlage für den Artikel 27 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte, in dem es heißt, dass jedermann (bzw. jedefrau) das Recht hat, am kulturellen Leben der Gemeinschaft frei teilzunehmen, sich an den Künsten zu erfreuen und am wissenschaftlichen Fortschritt und dessen Errungenschaften teilzuhaben.
Weniger gerne werden wir an die trennende Kraft von Kunst und Kultur erinnert. Aber wenn wir irgendwo dazugehören wollen, gibt es immer auch die, die sich unterscheiden, die nicht dazugehören und die sich mit der Freiheit begnügen müssen, draußen zu bleiben. Kunst als kulturelles Leitmedium macht diesen Widerspruch besonders deutlich. Da hören wir auf der einen Seite die stereotypen Wiederholungen einer kulturpolitischen Rhetorik, die die Gemeinschaft stiftende Funktion der Kunst hervorheben, während auf der anderen Seite alle sozialwissenschaftlichen Befunde seit Pierre Bourdieu uns Evidenzen dafür geben, wie sehr Kunst auf dem Willen und der Fähigkeit zur Unterscheidung und damit auf sozialer Trennung, Individualisierung und Konkurrenz beruht.
Die Idee der Freiheit war lange auf die demokratischen Errungenschaften bezogen, die sich daran messen lassen sollten, inwieweit es der Politik gelingt, die Balance zwischen Freiheit und Gerechtigkeit zu halten. Die Dynamik des Neoliberalismus hat das Pendel stark in Richtung einer Verengung unserer Freiheitsvorstellungen ausschlagen lassen; die Folgen zeigen sich ebenso in der Ökonomisierung und Kommerzialisierung aller Lebensbereiche (inklusive der Kultur) wie in der Zunahme gesellschaftlicher Ungerechtigkeit. Die aktuell vorherrschenden Freiheitsvorstellungen verstehen sich weder als unendlich noch als universell; sie beziehen sich in erster Linie auf einen Markt, auf dem es allen freistehen soll, nach Verfügbarkeit ihrer Mittel Produkte und Dienstleistungen ihrer Wahl zu erwerben und zu konsumieren.
Das gilt auch für die Angebote des Kulturbetriebs. Allen steht es frei, diese Angebote in Anspruch zu nehmen, sofern sie sich diese leisten können. Und so kann der Besuch einer Kulturveranstaltung, auch wenn die Einrichtung von der öffentlichen Hand gefördert wird, selbst für gut Verdienende schon einmal zu einem teuren, vielleicht sogar unbezahlbaren Vergnügen werden. Das gilt umso mehr für die wachsende Zahl kommerzieller Kulturangebote, die keine öffentliche Förderung erfahren und sich doch vorrangig an die Leidtragenden der wachsenden gesellschaftlichen Ungerechtigkeit richten.
Auf diese Weise haben wir es heute mit einer wachsenden Verungleichung der Zugangschancen zu tun. Diese widerspricht allen seit den 1970er Jahren propagierten Versuchen einer „Demokratisierung der Kultur“, die eine auf Gerechtigkeit und Humanität basierende „demokratische Kultur“ herbeiführen sollten.
Beim Zustandekommen einer gerechteren und humaneren Gesellschaft war dem Kunst- und Kulturschaffen eine herausragende Bedeutung zugedacht. Und in der Tat hat sich viel verändert. Die meisten Kultureinrichtungen haben in den letzten Jahren ihre Vermittlungsbemühungen intensiviert. Outreach und Education Programmes gehören mittlerweile zur Grundausstattung jedes professionellen Kulturanbieters. Dazu sollen Maßnahmen zugunsten von Audience Development mithelfen, nicht nur ein treues, wenn auch immer älter werdendes Stammpublikum zu halten, sondern neue, junge, jedenfalls bislang vernachlässigte Zielgruppen zu erreichen. Diese Bemühungen haben punktuell Wirkung gezeigt und doch sind wir heute weiter denn je entfernt von einem Kulturbetrieb, der allen gesellschaftlichen Gruppen gleichermaßen zugänglich und attraktiv erscheint.
In dieses Dilemma setzt die szene Salzburg mit der Entscheidung, ihr Programm künftig unentgeltlich anzubieten, eine gezielte kulturpolitische Provokation. Sie baut damit eine wesentliche Barriere, die den Zugang zu Kultur be- oder gar verhindert, ab. Und sie stellt in unmittelbarer Nachbarschaft zum teuersten Festival der Welt die herrschende Freiheitslogik des Marktes in Frage, wonach nur etwas von Wert ist, das möglichst viel kostet.
Keine Frage, mit dieser Entscheidung können potentielle Kulturkonsumenten ab sofort freier entscheiden, ob sie das Angebot der szene Salzburg wahrnehmen wollen oder nicht. Und doch bleibt die Vermutung, dass das noch nicht die UNENDLICHE FREIHEIT bedeutet, aber eine Verlagerung der Entscheidungsfindung in Richtung anderer als finanzieller Kriterien, die das kulturelle Verhalten und kulturelle Vorlieben bestimmen.
Mit diesem Vorhaben der Szene Salzburg gibt es noch keine Gewähr für eine nachhaltige Veränderung des NutzerInnenverhaltens. Geschaffen wird aber ein diskursiver Freiraum, der eine neue Neugierde gegenüber den vielfältigen Erscheinungsformen dessen, was wir gerne unter „unser Publikum“ subsumieren, aufkommen lässt. Am Ende könnte die Einschätzung stehen, dass es kein Ausdruck von Freiheit, sondern ein weitgehend illusorisches, weil von nur wenig Evidenzen angekränkeltes Unterfangen ist, Kunst und Kultur allen frei anbieten zu wollen. Aber wir könnten uns die Freiheit nehmen, mehr über die Menschen zu erfahren, die wir ansprechen wollen, und hätten mehr Wissen darüber, welches Kunst- und Kulturangebot wir für wen und unter welchen Umständen entwickeln können und wollen.
MICHAEL WIMMER
gründungsmitglied und geschäftführer von educult – unabhängiges institut für forschung, beratung und management in kultur und bildung, lehrbeauftragter zu kulturpolitischen themen am institut für politikwissenschaften der universität wien und mitglied des wissenschaftlichen beirats der internationalen konferenz für kulturpolitikforschung (iccpr)
das neue buch von michael wimmer „kultur und demokratie – eine systematische darstellung der kulturpolitik in österreich“ wird im studienverlag, ISBN 978-3-7065-5012-3, erscheinen.
